Verzeihen - wie geht das?

 

Zunächst eine kleine Geschichte:

 

Eines Tages beschloss ein junger Mann, sein Zuhause endgültig zu verlassen. Er hatte sich mit seinen Eltern gestritten, schreckliche Worte waren gefallen und er verließ die beiden, ohne sich zu verabschieden.

Viele Jahre vergingen, einige davon verbrachte er im Gefängnis.

 

 

Jahre später, als er das Gefängnis verließ, fragte er sich, ob seine Mutter und sein Vater wohl noch

lebten. Ob sie noch wütend auf ihn waren und sich schämten für das, was aus ihm geworden war.

Er schrieb ihnen und teilte ihnen mit, er würde an einem bestimmten Tag in der kommenden Woche nachhause kommen. Wenn sie ihn sehen wollten und sich nicht für ihn schämten, sollten sie eine Decke auf die Wäscheleine hängen. Dann würde er wissen, er könne hineinkommen. Wenn dort keine Decke hängen würde, wüsste er, dass er nicht willkommen sei und würde wieder gehen.

Er schrieb ihnen, er hoffe, sie seien gesund.

 

In der darauffolgenden Woche kam der Mann mit dem Zug in seinem Heimatort an. Er war nervös, als er ausstieg. Niemand war da, um ihn in Empfang zu nehmen.

Er ging den Waldweg hoch zum Haus seiner Eltern und dachte dabei über die Vergangenheit nach. Über seine Zeit im Gefängnis und darüber, wie sehr sich seine Eltern für ihn schämen müssten. Er dachte an die schrecklichen Sätze, die sie einst gesagt hatten.

Er wollte sich fast schon wieder umdrehen und dorthin zurückkehren, von wo er gekommen war, als er eine Decke an einem Baum hängen sah. Er ging weiter und sah eine weitere Decke am nächsten Baum. Und noch eine Decke. Er bog auf den kleinen Zugangsweg zum Haus seiner Eltern ein und sah, dass das Haus seiner Eltern in Decken eingehüllt war. Der Hof war mit Decken ausgelegt. Die Wäscheleine hing voller Decken. Auf den Treppenstufen zur Eingangstür lagen Decken.

 

Seine Eltern standen in der Tür und hießen ihn willkommen.

 

(frei übersetzt nach Scott McLennahan)

 

 

Tief in unserer Seele haben wir alle das Bedürfnis, dass uns verziehen wird und dass wir selbst verzeihen können.

Doch oft sind wir so gefangen in Schuldzuweisungen, Ärger, Scham oder dem Muster „ich habe Recht“, dass wir nicht in der Lage sind, das, was uns vom Anderen getrennt hält, zu durchbrechen.

Wir halten fest am „Schutzpanzer“, den wir uns zugelegt haben, um den Schmerz nicht zu fühlen, der mit dem Erlebten verbunden ist.

 

Übung:

 

Denken Sie an einen Menschen, von dem

Sie sich in einer bestimmten Situation verletzt oder beschämt gefühlt haben. Wählen Sie dafür bitte keine schwere traumatische Erfahrung aus.  

 

Spüren Sie in sich hinein: Welches Gefühl steigt ihn Ihnen auf, wenn Sie an diesen Menschen in dieser Situation zurückdenken?

Benennen Sie das Gefühl. Ist es z.B. „Wut“ oder „Verrat“ oder „Scham“?

Erlauben Sie dem Gefühl, da zu sein. Es darf gefühlt werden, es gehört zu Ihnen.

 

Spüren Sie in Ihren Körper hinein: Wo in Ihrem Körper fühlen Sie das Gefühl?

Legen Sie Ihre Hand dort hin und fühlen, was Sie fühlen.

Nach einer Weile spüren Sie nach: Gibt es weitere Gefühle im Zusammenhang mit dieser Situation, die Ihre Aufmerksamkeit brauchen? Was möchte noch gefühlt werden, wenn Sie nicht in Ihrem Schutzpanzer und der dazugehörigen „Geschichte“ von Schuldzuweisungen oder „ich habe Recht“ bleiben? Vielleicht fühlen Sie hinter dem ersten Gefühl Traurigkeit, oder Verletztheit,  oder Angst. Erlauben Sie allen Gefühlen, da zu sein. Ihre Hand schickt dem Ort in Ihrem Körper, wo Sie das Gefühl oder die Gefühle besonders spüren, Ihr liebevolles Mitgefühl und die Botschaft: Ihr dürft euch zeigen. Danke, dass ihr versucht habt, mich zu beschützen. Senden Sie Ihren Gefühlen auf Ihre Art eine liebevolle, heilende Botschaft.

 

Nach einer Weile spüren Sie in sich hinein und nehmen wahr, wie sich das Gefühl oder die Gefühle vielleicht verändert haben - einfach dadurch, dass Sie ihnen einen Raum gegeben und sich selbst erlaubt haben, wahrhaftig zu fühlen, was in Ihnen ist. Ohne weiter in der  „Geschichte“ zu bleiben, die zu dieser schmerzhaften Erfahrung gehört.

 

Und dann blicken Sie von diesem Platz aus auf die andere Person. Wie mag sie sich fühlen? Wie könnte sie diese gemeinsame Erfahrung empfinden ? Durch welches Gefühl könnte sich diese Person geschützt haben?

Stellen Sie sich vor, wie es werden könnte, wenn Sie dieser Person das nächste Mal mit einem wachen und offenen Herzen begegnen.

 

Imaginieren Sie, wie Sie „Decken der Vergebung“ auslegen und damit für Sie beide die Möglichkeit schaffen, einander neu zu begegnen.

 

Einander zu verzeihen.

 

 

 

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